Webspace – Wie viel Platz braucht das Web?

Thomas Hahn & Norbert Stockhammer

Webspace – Wie viel Platz braucht das Web?

„Mehr als 64 kB Speicherplatz werden Sie nie benötigen!“ soll Bill Gates 1981 gesagt haben, er selbst bestreitet das ihm zugeschriebene Zitat allerdings. Auch wenn sich diese Aussage nicht auf den Hauptspeicher, sondern auf den RAM Speicher bezogen haben soll – damals war der Commodore C64 mit seinen 64 kB Arbeitsspeicher der meistverkaufte PC – so arbeiten wir heute im Privatbereich mit Geräten, welche über 8 GB oder mehr an Arbeitsspeicher verfügen und mit Terabyte-Festplatten oder SSDs ausgestattet sind.

Aber all das genügt uns noch nicht. Durch die fortschreitende Verbreitung der Mobilität am Arbeitsplatz und im Privatbereich mit unterschiedlichen Devices wie Notebooks, Smartphones, Tablets oder Phablets (große, internetfähige Mobiltelefone zwischen 5 und 7 Zoll) möchten wir unsere privaten Fotos, genauso wie unsere beruflich benötigten Dateien jederzeit und an jedem Ort abrufen können, ohne irgendwelche anderen Datenträger mitschleppen zu müssen. USB-Sticks und portable Festplatten weichen immer mehr der sogenannten „Cloud“. Cloud bedeutet frei übersetzt „Wolke“ und meint damit den Speicherplatz im Internet, über den sich der NutzerInnen keine Gedanken in Bezug auf physischen Platz machen muss. Als Ersatz für Festplatten sind in diesem Fall Dienste von Firmen gemeint, die ihren Speicherplatz entweder kostenlos oder kostenpflichtig zur Verfügung stellen. Es werden also jene Daten, die der NutzerInnen bisher auf seinem PC gespeichert hatte, auf fremde PCs ausgelagert, man sagt auch in die Cloud verlegt. [1] [2]

Nicht zu verwechseln ist dieser Begriff mit Cloud Computing (CC). CC beschreibt genau wie der Begriff „Cloud“ ein Auslagern ins Internet. Bei Cloud Computing ist jedoch das Auslagern von Rechenleistung (also beispielsweise Programmen, die lokal auf einem Computer ausgeführt werden) auf andere Computer, die über das Internet verbunden sind, gemeint. [3]

Kaum jemand der über einen Social-Media-Account verfügt, unterliegt nicht der Versuchung, dort seine oder ihre „Follower“ und „Friends“ mit den neuesten Urlaubsfotos zu versorgen oder Alben von den eigenen Kindern oder Haustieren anzulegen.

Ist doch toll, wenn man seine Privatsphäre mit ein paar Mausklicks mit aller Welt teilen kann, oder etwa nicht?!

Fast jeder User, der regelmäßig mit dem PC arbeitet, nimmt inzwischen unterschiedlich viele virtuelle Speicherdienstanbieter wie z. B. OneDrive (5 GB), Dropbox (2 GB), Box.com (10 GB), Google Drive (15 GB) Amazon (5 GB) etc. in Anspruch. Grund dafür ist, dass dieser Webspace größtenteils gratis im Netz zur Verfügung steht und uns von web-beherrschenden Mogulen wie Google oder Microsoft schon nahezu aufgedrängt wird. Als aktuelles Beispiel sei hier Microsoft Windows 10 angeführt. Wie kein anderes Betriebssystem bisher, ist dieses über das Microsoft Konto automatisch mit der Microsoft Cloud OneDrive verbunden. Vor dem Erscheinen von Windows 10 war OneDrive noch ein eigenständiges Programm, welches man sich herunterladen und installieren musste. Bei Windows 10 ist das nicht mehr notwendig, hier wurde OneDrive fix in das Betriebssystem integriert. Möchte ein User auf diese Cloud-Funktion verzichten, so muss dieser zuerst einige Einstellungen setzen. Es handelt sich hier also um ein Opt-Out. [4] [5]

Am Beispiel OneDrive lässt sich die Speicherplatzthematik nochmals veranschaulichen. Ursprünglich hatte Microsoft geplant, allen Office 365 Usern unlimitierten Speicherplatz in OneDrive zur Verfügung zu stellen. Statt unlimitiertem Speicherplatz, gab es dann „nur mehr“ 1 Terabyte. Für OneDrive User wurde der Speicherplatz von 15 GB auf 5 GB reduziert. Eine Erklärung von Microsoft für diese Schritte war, dass OneDrive nicht als „Datenmistkübel“ verwendet werden sollte. Ein weiterer Grund für die Reduktion des Datenvolumen war eine Kosten-Nutzen-Überlegung. Microsoft möchte nicht jedem User 1TB an Speicherplatz zur Verfügung stellen, um dann festzustellen, dass ohnehin nur ein Bruchteil des Speicherplatzes tatsächlich genutzt wird. Dieses Vorgehen wurde von der Community nicht positiv aufgenommen, es gab über 70.000 Beschwerden. [6]

Rechnet man nur den Speicherplatz der hier angeführten Speicherdienste zusammen, ergibt das 37 GB Onlinespeicher, der pro Person kostenlos in der Cloud zur Verfügung steht. Wo genau? Das lässt sich schwer sagen. Fest steht nur, dass irgendwo eine Serverfarm die Daten hütet und das noch dazu mehrfach, damit auch wirklich nichts verloren gehen kann.

Bei Cloud-Speicherplatz handelt es sich um eine facettenreiche Thematik. Werden Daten von privaten oder juristischen Personen im Netz gespeichert, so sollte man sich damit beschäftigen, wo die Daten liegen. Je nach geografischem Standort der Serverfarm gelten unterschiedliche rechtliche Grundlagen für die Daten, also wie Daten gespeichert und wie diese (von Dritten) weiterverarbeitet werden dürfen. Anbieter von Cloud-Services, welche ihren Sitz in den USA haben, sind beispielsweise aufgrund des Patriot-Acts verpflichtet, ihre Daten auf Verlangen den US Behörden zur Verfügung zu stellen, selbst wenn das lokale Gesetze nicht erlauben. [7]

In diesem Zusammenhang sei auch das Safe-Harbor-Abkommen erwähnt, welches im Jahr 2000 beschlossen wurde und bei dem es um eine Vereinbarung geht, die sicherstellt, dass beim Übermitteln von personenbezogenen Daten in die USA die europäischen Datenschutzstandards eingehalten werden. Dieses wurde im Februar 2016 durch ein neues Abkommen namens EU-US Privacy Shield abgelöst, welches dasselbe Ziel verfolgt. [8]
Im Juli 2016 wurde das EU-US Privacy Shield Abkommen von 28 Mitgliedstaaten abgesegnet, wobei es 4 Stimmenthaltungen gab, unter anderem von Österreich. Größter Kritikpunkt an dem Abkommen ist, dass eine Massenüberwachung der US-Geheimdienste möglich ist. [8a]

EU-US Privacy Shield Abkommen hin oder her, auch wenn sich diese Daten auf einem Server in einer Farm auf fremden Hoheitsgebiet befinden, wie das beispielsweise bei Microsoft, Google & Co der Fall ist, so haben wir doch nicht das exklusive Zugriffsrecht auf unsere eigenen Daten. Als Beispiel sei hier Facebook angeführt. Durch eine Klage des Juristen Maximilian Schrems wurde das Safe-Harbor-Abkommen als ungültig erklärt, weil Facebook mit internationalen UserInnen und Datenstandort Amerika die Daten von europäischen UserInnen nicht nach EU-Datenschutz-Recht behandelt. Das zeigt also, dass aufgrund von unterschiedlichen rechtlichen Bestimmungen in verschiedenen Ländern, wo Daten gespeichert werden, der jeweilige NutzerInnen nicht als Einziger Zugriff auf seine Daten hat. Die Recherche von Schrems hat auch gezeigt, wie viele Daten von uns gespeichert werden, selbst nachdem sie eigentlich schon gelöscht wurden. Als Schrems sich seine über ihn gespeicherten Informationen anfordern und drucken ließ, bekam er 1.200 DIN-A4-Seiten. [9]

Ein weiterer Punkt ist die Redundanz der Daten und somit die Verschwendung von physischem bzw. virtuellen Speicherplatz. Der virtuelle Webspace wird sehr gerne dafür verwendet, Kopien bestehender Daten anzufertigen. Dies kann einerseits für private Personen interessant sein, um ein Backup in der Cloud von einem persönlichen Ordner zu haben. Andererseits verwenden inzwischen immer mehr Firmen virtuelle Speicherplätze, um zum Beispiel Kunden schnellen und einfachen Datenzugriff zu ermöglichen. Ein weiterer Grund für das Verschieben von Firmen Daten in die Cloud ist, dass Onlinespeicher eine sehr günstige Alternative zu bestehenden Backup-Strategien ist und eine gewisse Ausfallsicherheit gegeben ist. Man muss sich also vor Augen führen: Auch wenn es den Anschein erweckt, als hätten wir unendlich viel virtuellen Speicherplatz zur Verfügung, wird dieser auf endlichen Ressourcen (Festplatten, Server) gehostet.

Wer beurteilt wer Speicherplatz verschwendet?
Sollten wir überhaupt sorgsamer mit Speicherplatz umgehen?

Auf der einen Seite stellt sich die Frage, brauchen wir den Platz überhaupt und wofür wird er genutzt? Ist es notwendig, dass wir als Privatperson beispielsweise tausende Fotos von unserem Privatleben auf virtuellen Laufwerken im Web zur Verfügung stellen? Wollen wir das überhaupt? Wissen Einzelne von uns gar nicht, was das für Folgen haben kann?

Geht man von einem Durchschnitts-User mit 50 GB online Speicherplatz und von der Tatsache aus, dass Daten zumindest 1x redundant bei Cloud-Diensten gespeichert werden, so ergibt das im Durchschnitt pro User 100 GB an verbrauchtem Speicherplatz in der Cloud. Berücksichtigt man weiters , dass es derzeit mehr als 3 Mrd. TeilnehmerInnen im Web gibt, kommt man in Summe auf etwa 300 000 000 000 GB = 300 Exabyte an Daten, welche nur von privaten UserInnen für ihre persönlichen Daten gratis gespeichert werden. Würde man 3,5‘‘-Festplatten mit einer Breite von 15 CM mit einer Kapazität von jeweils 1 TB aneinanderlegen, so ergäbe das eine Strecke von 43 800 km – mehr als eine komplette Umrundung des Erdumfangs. (3 000 000 000 x 100 GB / 1 TB = 3 000 000 000 Festplatten x 0,000146 = 43 800 km, Erdumfang ca. 40.000 km) [10]

Auf der anderen Seite haben wir die Situation, dass wir sehr viel virtuellen Raum zur Verfügung haben können. Mit Hilfe der sogenannten Virtualisierungstechnologie, bei der man beispielsweise eine physische Festplatte in unterschiedliche virtuelle Bereiche einteilen kann, ist es möglich, mit relativ wenig physischen Ressourcen viel virtuellen Raum im Web zu schaffen. Da dadurch wiederum wenig physischer Platz benötigt wird, lassen sich die Kosten im Vergleich zu älteren Systemen senken.

Ein weiterer Aspekt der beachtet werden sollte ist die Tatsache, dass wir zwar zu niedrigen Kosten virtuellen Raum schaffen können, aber die Technik im Hintergrund auch mit Ressourcen betrieben werden muss.

Wohin soll uns unsere Datensammelsucht unserer Devices also noch führen? Im nordschwedischen Falun läuft derzeit ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem lokalen Energieanbieter, bei welchem versucht wird, die bislang ungenützte Abwärme der Server wieder in Energie umzuwandeln und dem städtischen Energienetz zurückzuführen.
Abschließend lässt sich festhalten, dass wir derzeit zwar noch keine gravierenden Probleme in Bezug auf Datenspeicher haben, die Thematik wird aber früher oder später aktuell werden. Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt schon Lösungen suchen um vorbereitet zu sein, wenn die physische Datenknappheit erreicht ist.

Quellen:

[1] Phablet, https://de.wikipedia.org/wiki/Phablet abgerufen am 09.06.2016 (13.6.2016)
[2] Private vs Public vs Hybrid Cloud, http://www.cloud.fraunhofer.de/de/faq/publicprivatehybrid.html (30.4.2016)
[3] Cloud Computing, https://de.wikipedia.org/wiki/Cloud_Computing (5.7.2016)
[4] Deaktivieren von OneDrive in Windwos 10, http://windows.microsoft.com/de-at/windows-10/turn-off-onedrive-in-windows-10 (5.7.2016)
[5] Microsoft One Drive Verknüpfung http://www.giga.de/downloads/windows-10/tipps/windows-10-offline-nutzen-microsoft-konto-und-onedrive-deaktivieren-so-geht-s/ (13.06.2016)
[6] Microsoft to give back some of the free OneDrive storage it’s taking away, http://arstechnica.com/information-technology/2015/12/microsoft-to-give-back-some-of-the-free-onedrive-storage-its-taking-away/ (5.7.2016)
[7] Patriot Act, https://de.wikipedia.org/wiki/USA_PATRIOT_Act (13.6.2016)
[8] Safe Harbor, https://de.wikipedia.org/wiki/Safe_Harbor (27.6.2016)
[8a] US Privacy Shield, http://futurezone.at/netzpolitik/eu-mitgliedstaaten-stimmen-privacy-shield-zu/208.657.819 (19.8.2016)
[9] Maximilian Schrems, http://derstandard.at/2000023302312/Max-Schrems-Ein-Student-forderte-Facebook-heraus (13.06.2016)
[10] Anzahl Internetnutzer http://de.statista.com/statistik/daten/studie/186370/umfrage/anzahl-der-internetnutzer-weltweit-zeitreihe (30.03.2016)

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