Vernetzte, selbstfahrende Autos – Zukunftsvision?

Michael Diesenreither & Andrea Penz

Vernetzte, selbstfahrende Autos – Zukunftsvision?

Während sich täglich die Blechkolonnen über die Straßen wälzen, investieren Automobilkonzerne und auch Technologie-Unternehmen wie Google Milliarden in die Entwicklung neuer Lösungen. Kern dieses technologischen Wettrennens ist das autonome, selbstfahrende Auto, das über kurz oder lang im Straßenverkehr zur Normalität werden wird.

Die amerikanische Fernsehserie „Knight Rider“ präsentierte der Öffentlichkeit bereits in den 80er Jahren eine ausgereifte Vorstellung eines autonom fahrenden Wagens, das zu eigenständigen und verantwortungsvollen Handlungen fähig war und seinem Herren immer im rechten Moment zur Hilfe kam. Die aktuelle Forschung zu intelligentem Verhalten von Autos beschäftigt sich unter anderem mit der direkten Kommunikation zwischen Fahrzeugen oder mittels des Umweges über die „Cloud“. So könnte es zur Erhöhung der Verkehrssicherheit kommen, da auf diese Weise u.a. das Auftreten von verkehrsrelevanten Ereignissen vorausschauend an andere VerkehrsteilnehmerInnen kommuniziert werden kann. Die Loslösung von unmittelbaren Entscheidungen aus dem Verantwortungsbereich des Menschen bringt aber auch neue ethische Fragestellungen bei Unfällen mit möglichem Personenschaden mit sich, darüber hinaus bestehen noch viele ungelöste Fragen bezüglich Datenschutz und Datensicherheit.

Car2Car-Vernetzung

Bei der Car2Car-Vernetzung wird mit Hilfe aktueller Technik der Wahrnehmungshorizont erweitert. In einem Umkreis von bis zu 300m können damit Notbremsungen, Eis oder Aquaplaning, sowie Unfälle unmittelbar über Funk an die nachfolgenden VerkehrsteilnehmerInnen kommuniziert werden. Voraussetzung für die Nutzung dieser Technologie im Verkehrsalltag ist die Ausstattung einer Mindestmenge von am Verkehr teilnehmenden Fahrzeugen (10-15 %), mit für diesen Zweck angebrachten Antennen, WLAN-Modulen, Steuergeräten und Anzeigen für den/die FahrerIn. [1]

Die Integration externer Daten wie zum Beispiel Wetterinformationen, Strassenkarten und GPS ist heutzutage nichts ungewöhnliches mehr, ebenso wird die Verfügbarkeit solcher Informationen in Echtzeit in zunehmenden Maße vorausgesetzt.

Das Zusammenwachsen von Privat- und Arbeitsleben, digitales Konsumverhalten, Pflege von Beziehungen in sozialen Netzwerken und die Nutzung der vielfältigen Möglichkeiten des Internets durch mobile Geräte, kommt auch in diesem Bereich des täglichen Lebens – dem Auto – immer mehr zur Geltung.

Das mittlerweile allgegenwärtige Internet mitsamt damit einhergehender Möglichkeiten bieten die Grundlagen dazu, die oben genannte, lokal wirksame Car2Car-Kommunikation in folgender Vision auf die Spitze zu treiben:

Continental-Vernetzung

Das Fahrzeug wird bei dieser Art der Vernetzung, welche nach der Firma Continental benannt ist, selbst zu einem Teil des Internets und wandelt sich von einem geschlossenen zu einem offenen System. Das „Internet of everything“ hat in diesem Konzept zu 100 % die Automobilwelt erfasst.

Die Continental-Vernetzung funktioniert über die Cloud, mit welcher das Fahrzeug in permanenter Verbindung steht. Die ausgetauschten Daten befassen sich so z.B. mit der Beschaffenheit der Straße. Informationen über Probleme, in egal welchem Bereich des Verkehrs, werden in der Cloud platziert, welche wiederum für die Weitergabe der Informationen an weitere FahrerInnen, die von Problemen betroffen sein könnten, zuständig ist. Das Auto verfügt somit über einen „künstlichen Horizont“, der es ermöglicht, über den sichtbaren Bereich hinaus Daten über kommende Kurven, Schlaglöcher und andere Gefahren abrufbereit zu haben. [2]

Weil das Fahrzeug in dieser Vision als Datenportal dient, das permanent Daten sendet und empfängt, muss für das fahrende Auto eine niemals abbrechende Datenübertragung eingesetzt werden, die automatisch zwischen WLANs, Mobilfunknetzen oder Sat-Verbindungen hin und her schaltet. Ein Hauptaugenmerk liegt darauf, die Menge an Daten, die während der Fahrt anfallen, in möglichst kompakter, komprimierter und dadurch schnell übertragbarer Form zu verschicken und dabei besonders auch für eine sichere Übertragung dieser Datenströme Sorge zu tragen.

Für die dafür benötigte externe Infrastruktur ist vorgesehen, Lichtmasten oder Verkehrsschilder mit Sende/Empfangs-Modulen auszustatten, welche permanent die Daten des vorbeifließenden Verkehrs verarbeiten. Im Asphalt eingelassene RFID-Chips registrieren die Verkehrsströme und somit Informationen über Staus oder zu lange Wartezeiten vor Ampeln. Weitere Sensoren ermitteln Gefahrenstellen wie Haarnadelkurven oder Baustellen auf der Wegstrecke. [3]

Schutz der Privatsphäre

Schon heute sind wir mit unseren Smartphones per GPS permanenter Überwachung ausgesetzt. Mit den bald ständig am Netz hängenden autonomen Fahrzeugen ist eine lückenlose Auswertung unserer Bewegungsmuster möglich. Würden anfallende Daten anonymisiert verschickt, gäbe es datenschutzrechtlich keine Probleme, davon kann jedoch nicht immer ausgegangen werden – Versicherungen sind z.B. nicht nur nach einem Unfall daran interessiert, wie schnell gefahren wurde, sondern generell am Fahrverhalten, um daraus etwaiges Risikoverhalten ableiten zu können. Selbst wenn gesammelte Daten anonymisiert werden, ist ungewiss, in wessen Hände diese kommen – so hat 2011 der Navigationssystem-Hersteller TomTom Nutzerdaten an die niederländische Regierung verkauft, welche diese an die Polizei weitergab. Diese platzierte nach Auswertung der Daten gezielt Radarfallen. [2] [4]

Das autonom fahrende Fahrzeug der Zukunft wird nicht nur live mit verkehrsrelevanten Informationen versorgt, sondern dient darüber hinaus als Datenlieferant und -transmittor, wodurch die bisher isolierte Fahrzeugelektronik zur möglichen Angriffsfläche für Hacker wird. Derzeit fehlen allerdings noch Standards für die IT-Sicherheit in Fahrzeugen. [5]

„Eigensinnige“ Fahrzeuge

Die Tatsache, dass Googles autonome Autos kein Lenkrad mehr haben, wirft die Frage auf, wie groß der Grad der Bevormundung der (Mit-)Fahrenden bei solchen Autos ist. Systeme, die selbstständig freie Parkplätze ausfindig machen sind praktisch, aber es gibt eine Gratwanderung zwischen legitimer Hilfestellung und der Gefahr, dem intelligenten System in gewissen Entscheidungen und Freiheiten regelrecht ausgeliefert zu sein. [6] Was passiert, wenn ein/eine FahrerIn kurz am Rand einer Wiese parken möchte, die nicht als öffentlicher Parkplatz ausgewiesen ist, um dort ein Picknick zu machen? Im autonomen Verkehr lässt sich Zuspätkommen nicht mehr durch schnelles Fahren verhindern, denn das autonom fahrende Auto kann eine Geschwindigkeitsbeschränkung weder übersehen noch ignorieren. Zum Nachteil des Freiheitsgrades des/der Fahrers/Fahrerin tritt mittels Gleichschaltung ein positiver Effekt in der Unfallstatistik auf. [2]

Was passiert bei Unfällen?

Wie sollen selbstfahrende Autos programmiert werden, wenn es um das Verhindern von Unfällen bei möglichst geringer Anzahl an Verletzten oder gar Toten geht? Derzeit akzeptiert die Gesellschaft eine gewisse Zahl an Todesopfern im Straßenverkehr, aber wenn einmal alle Fahrzeuge von Computern gesteuert werden, welche Zahl an Todesopfern oder Verletzten ist dann noch hinnehmbar und wer haftet dafür – der Hersteller oder doch der/die FahrerIn, der aber in diesem Fall gar nicht eingreifen kann? [7]

Mit eben diesen Fragen beschäftigen sich Forscher der Toulouse School of Economics in Frankreich. In den Ergebnissen wird deutlich, dass sich die Menschen zwar wünschen, die Zahl der Todesopfer möge möglichst gering gehalten werden. Dies könnte bedeuten, dass ein unter Umständen von seinem Besitzer um sehr viel Geld erworbenes Auto, den eigenen FahrerIn „opfern“ würde. Die Befragten selbst glauben nicht, dass Autos tatsächlich so programmiert werden und haben außerdem den Wunsch, nicht selbst in so einem autonom gesteuerten Auto zu sitzen, sondern nur andere Menschen. Ein moralisches Dilemma? [8]

Raum- und Verkehrsplanung der Zukunft

Verkehrsprojekte sind meist langfristig angesetzte und besonders teure Projekte, für deren Planung es viele schwer einschätzbare Variablen gibt, in etwa, wo die Leute in Zukunft wohnen und arbeiten werden. Jedenfalls ist durch Implementierung eines vernetzt- autonomen Verkehrs ein enormer Anstieg der Verkehrsmenge zu befürchten, falls aus Bequemlichkeit mehr Leute selbstfahrende Autos statt öffentliche Verkehrsmittel wie Bahn und Bus nutzen. Auch die Möglichkeit, das Auto leer nach Hause zu schicken, um Parkgebühren zu sparen, kann das Verkehrsaufkommen signifikant erhöhen. [6]

Das Ars Electronica Festival 2015 hat sich unter dem Thema „Post City“ mit der Stadt der Zukunft beschäftigt. Viele futuristische und spannende Themen wurden bearbeitet, die größte mediale Resonanz hat aber der Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion ausgelöst, ein futuristisch anmutendes autonomes Auto. Das war eine gelungene Marketing-Aktion von und für Mercedes, denn alle haben über dieses Auto berichtet. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema – z.B. eine Rückgewinnung der durch Straßen verbauten Flächen für eine höhere Lebensqualität in den Städten – hat medial aber in diesem Kontext nicht stattgefunden. [9]

Fazit

Die Landflucht lässt große Städte auch in Zukunft weiter wachsen. [10] [11] Autonome Autos benötigen mindestens so viel Platz wie unsere persönlichen Transportmittel heute. Der Umstand, dass der Straßenverkehr durch diese Gefährte sicherer wird, bedeutet somit nicht automatisch, dass deren flächendeckender Einsatz in Städten eine Erhöhung der Lebensqualität nach sich zieht – um Investitionen in den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel wird man also nicht umhin kommen. Darüber hinaus gibt es bei einem schienengebundenen Fahrzeug mit automatischen Signalanlagen, besonders bezogen auf einen nur begrenzten, urbanen Verkehrsraum, bei weitem nicht so komplexe Fragestellungen, wie bei selbstfahrenden Fahrzeugen. Ebenso wie die U-Bahn in Wien seit Anbeginn des Betriebs in den 1970er Jahren, fahren U-Bahnen in vielen Städten weltweit schon seit Jahrzehnten autonom. [12] [13]

Automobil-Konzerne und Technologie-Unternehmen sind in erster Linie an hohen Absatzzahlen selbstfahrender Autos interessiert. Da es sich hier um einen möglichen profitablen Zukunftsmarkt handelt, werden hier milliardenschwere Investitionen in Forschung und Entwicklung getätigt. Einige der größten Auto-Hersteller, Technologie-Unternehmen und Fahrdienst-Vermittler wie Ford, Volvo, Google und der Taxidienst Uber haben sich zusammengeschlossen, um selbstfahrende Autos schneller und legal auf die Straße zu bringen. [14] ExpertInnen vom Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen schätzen, dass der Umsatz für Assistenten und teil-automatisierte Systeme im Jahr 2020 auf etwa 55 Milliarden Euro wachsen wird und man 2030 schon mit mehr als 300 Milliarden Euro Umsatz rechnen könne. [15] Diese Zahlen verdeutlichen, dass selbstfahrende Fahrzeuge im Straßenverkehr früher oder später flächendeckend zum Alltagsbild gehören werden, unabhängig davon, ob deren Einsatz tatsächlich notwendig ist oder nicht. Bis es so weit ist, werden allerdings noch ein paar Jahrzehnte vergehen.

Quellen

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Car2Car_Communication
[2] http://www.heise.de/newsticker/meldung/heiseshow-Live-mit-vernetzten-Autos-3131982.html
[3] http://www.computerbild.de/artikel/cb-Aktuell-Internet-Continental-Cisco-Das-total-vernetzte-Auto-8593964.html
[4] http://www.heise.de/newsticker/meldung/Tomtom-entschuldigt-sich-wegen-Datenweitergabe-fuer-Radarfallen-1234351.html
[5] http://diepresse.com/home/techscience/hightech/4971844/Selbstfahrende-Autos_Die-Hacker-warten-schon
[6] https://beta.welt.de/print/die_welt/debatte/article118327820/Das-autonome-Auto.html
[7] http://www.heise.de/ct/artikel/Die-sieben-Huerden-zum-selbstfahrenden-Auto-2764145.html
[8] http://futurezone.at/science/dilemma-wenn-selbstfahrende-autos-toeten/160.241.518
[9] http://www.aec.at/postcity/f015/
[10] http://www.wissen.de/landflucht-immer-mehr-deutsche-zieht-es-die-staedte
[11] http://kurier.at/chronik/oesterreich/demografie-in-oesterreich-landflucht-setzt-sich-fort-staedte-werden-groesser/136.368.118
[12] https://de.wikipedia.org/wiki/U-Bahn_Wien#Fuhrpark
[13] http://derstandard.at/2000016801970/U-Bahn-ohne-Fahrer-Internationale-Beispiele
[14] http://t3n.de/news/google-ford-volvo-gruenden-701316/
[15] http://www.welt.de/wirtschaft/article145015200/Warum-selbstfahrende-Autos-so-teuer-sein-werden.html

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