The Time of the Cyborgs has come

Michael Goldbeck & Jasmin Hopf

The Time of the Cyborgs has come

Die Geschichte des Homo Sapiens hat einige Auf und Abs erlebt. Vor 200.000 Jahren sind anatomisch moderne Menschen in Nordost-Afrika hervorgetreten. Innerhalb von 100.000 Jahren haben sich diese Menschen über den ganzen Kontinent verbreitet – mit den einfachsten Mitteln wie gespitzte Steine, Speere und Pfeile. Vor 65.000 Jahren begann die Reise außerhalb des Kontinents. Innerhalb der nächsten 25.000 Jahre hat sich der Mensch auf Südost-Asien und ganz Europa ausgebreitet. Es hat keine 10.000 Jahre gedauert, bis sich unsere weit entfernten Vorfahren über das heutige Russland auf den amerikanischen Kontinent verbreitet haben. Der Mensch wurde sesshaft. Nicht lange danach haben sich erste Städte gebildet. Komplexe Bauten, Bewässerungssysteme und astronomische Einrichtungen wurden gebaut. Die Wissenschaften, Schriften und der Buchdruck haben sich bis vor 2.500 Jahre begründet – der erste Schritt in Richtung einer Wissens- und Informationsgesellschaft.

Vor 250 Jahren kam die industrielle Revolution; innerhalb der nächsten 100 Jahre die weite Verbreitung von Elektrizität. Das Auto, Flugzeuge, zwei Weltkriege und die Atombombe folgten in den nächsten 50 Jahren. 20 Jahre danach standen wir auf dem Mond. Vor knapp 25 Jahren wurden die Grundlagen des World-Wide-Web von Tim Berners-Lee begründet – innerhalb von nur 10 Jahren gab es über eine Milliarde vernetzte Personen. 2007 wurde das erste Smartphone vorgestellt, 8 Jahre später wurden bereits 1,4 Milliarden davon verkauft und heute fahren die ersten Autos selbstständig durch unsere Straßen.

A new power is rising.

Its victory is at hand!

Saruman, Lord of the Rings

Die technologische Entwicklung verläuft immer schneller. Nicht nur, dass Moore’s Law, bei dem sich integrierte Schaltkreise und so Rechenkapazität über einen gewissen Zeitraum immer wieder verdoppeln, Jahrzehnte über seine Gültigkeit bewiesen hat, auch haben eine breite Palette an Innovationen in den Bereichen Nanotechnologie, Datenanalyse, Biotechnologie und Physik die Technologisierung forciert. Mikrochips können dank Nanotechnologie von Fingernagel-Größe zu Hautschuppen-Größe verkleinert werden, verschwinden somit aus unserer Wahrnehmung und gehen über in ubiquitäres Computing. Experten rechnen damit, dass Computer bis 2025 die Rechenkapazität unseres Gehirns erreichen werden.

Laut Ray Kurzweil, einem der bekanntesten Futuristen unserer Zeit, ist daher der nächste große Schritt in der Evolution des Menschen – die Entwicklung einer künstlichen Intelligenz – nur wenige Jahre entfernt. Unter künstlicher Intelligenz versteht man die Fähigkeit einer Maschine, aus gesammelten Daten wichtige Informationen zu filtern und Wissen aufzubauen, damit eigene Schlüsse gezogen und Lösungsansätze gefunden werden können. Es wird zwischen “Narrow Artificial Intelligence” und “General Artificial Intelligence” unterschieden: Erstere kennzeichnet sich durch vom Menschen geschaffene Systeme, die in einzelnen Bereichen Wissen aufbauen und so Entscheidungen treffen können, aus. Mit dem zweiten Begriff ist die Intelligenz einer wahrlich selbst denkenden Maschine gemeint. Sie aggregiert Daten aus verschiedensten Bereichen, filtert Informationen und verwendet eigenes Wissen um Entscheidungen zu treffen. Sei es um ein neues Rezept für Spaghetti Bolognese zu finden, die Lösung der Yang-Mills-Gleichungen zur Quantenfeldtheorie aufzustellen oder sich selbst zu verbessern.

Im Jahr 2025 haben Computer die gleiche Rechenkapazität wie das Gehirn.

Ray Kurzweil

Doch schaffen wir es eine Maschine zu bauen, die intelligenter ist als wir selbst? Und wenn ja, was passiert danach? Werden überlegene Roboter auf der Suche nach mehr Effizienz das ineffizienteste Geschöpf aller Zeiten – den Menschen – im Namen des Fortschritts auslöschen? Gibt es in einer Welt, die von Computern gesteuert wird, noch Freiheit? Oder macht uns die Singularität überhaupt zu einem neuen Wesen – halb Mensch, halb Maschine; a Cyborg, if you will?

The One Technology to Rule Them All

Ob wir es wollen oder nicht – erste Vorboten der künstlichen Intelligenz verweilen schon unter uns. “Narrow Artificial Intelligence” reiht die Ergebnisse unserer Suchanfragen auf Google, sie entscheidet, welche Inhalte wir auf Facebook zu sehen bekommen. Sie schreibt uns sogar eigenständig zurück, wenn wir einen der populären Bots im Facebook Messenger oder auf Slack nutzen. AlphaGo des Unternehmens Deep Mind, dass sich auf die Programmierung von künstlicher Intelligenz gestürzt hat, gewinnt dank einer sehr hoch entwickelten “Narrow Artificial Intelligence” eine Partie des Spiels “Go” gegen den besten Spieler der Welt – einem Spiel mit mehr möglichen Zügen als das Universum an Atomen hat. Was AlphaGo so speziell macht: Es lernt anhand von “Deep Neural Networks” so gut wie jedes Spiel völlig selbstständig.

“Deep Neural Networks” sind Netze aus künstlichen Neuronen, welche eine Abstraktion biologischer neuraler Netze zur Informationsverarbeitung darstellen. Ihre Stärke liegt in der Erkennung von verschiedensten Mustern; sei es bei Spracherkennung, Bildanalyse oder in der Robotik. AlphaGo kämpft sich also nicht mit brachialer Gewalt und Rechenleistung durch die unglaubliche Menge aller Möglichkeiten, sondern erkennt die Zusammenhänge der Züge des Gegners und entscheidet anhand von Wahrscheinlichkeiten den bestmöglichen “Course of Action”.

Natürlich kann jene Funktionsweise noch keineswegs mit der des menschlichen Gehirns verglichen werden. Obwohl das Gehirn zu einem Großteil bereits erforscht wurde, ist uns das  Zusammenspiel wesentlicher Teile des Gehirns aber auch heute noch unbekannt. Experten schätzen, dass aktuell bis zu einer Million Menschen am Thema “Artificial Intelligence” arbeiten – dass deren Arbeit ohne verbleibende Veränderungen bleibt, darf stark in Zweifel gestellt werden.

Was macht also der Mensch in einer Welt, in der Maschinen immer mehr das Sagen haben? Genau, er macht sich selbst zur Maschine. Kleine goldene Platinen werden nicht mehr nur auf Bankomat- und Kreditkarten angebracht, in unzähligen elektronischen Geräten verbaut und in Tiere eingesetzt, sondern auch in Menschen implantiert. Fleischliche und elektronische Intelligenz wird verbunden, der Mensch wird zur Maschine; dem Cyborg. Der Name Cyborg ist ein Akronym, das sich aus den beiden Wörtern cybernetic und organism zusammensetzt. Der Begriff Kybernetik ist in der griechischen Sprache verwurzelt und bedeutet hier so viel wie die Kunst des Steuermannes. Der Cyborg ist deshalb ein lebendiger Organismus, der mit nicht-menschlichen Regelungs- und Steuermechanismen ergänzt wird. Der moderne Cyborg steht für die alltägliche Erleichterung des Lebens mit dem Einsatz von Technologie – so zumindest das Marketing-Sprech.

Was macht also der Mensch in einer Welt, in der Maschinen immer mehr das Sagen haben? Genau, er macht sich selbst zur Maschine.

Implantierte Chips in der Größe eines Reiskorns dienen zur Identifikation bzw. auch zur Zahlung im alltäglichen Leben. Die ideale Stelle für die Implementierung hängt dabei von der Einsatzweise des Chips ab. Soll damit bezahlt werden, eignet sich dafür der Bereich zwischen Daumen und Zeigefinger besonders gut – eine Stelle, die man sozusagen gleich zur Hand hat. Dieser kleine und leicht schmerzhafte Eingriff muss dabei aber längst nicht von einem Arzt erfolgen, sondern kann von jedem Tätowierer durchgeführt werden. Ob eine solch durchgeführte Implantierung legal ist, sei dahingestellt und wird sich mit der Zeit zeigen. Der Chip wird über eine Kanüle und mit Hilfe einer Spritze unter die Haut gespritzt. Auch Do-it-yourself-Pakete sollen in Zukunft angeboten werden – ungläubige Blicke Dritter inklusive. Dafür kann dann via RFID-Technologie, seit 2008 gibt es ein Patent für die Geldaufladung der Chips, die Tür geöffnet und via Handshake bezahlt werden. Shut up and take my money.

Doch längst nicht nur an Stellen wie der Hand sollen die Chips der Zukunft ihren Einsatz finden: Technologie-Experten wie Ray Kurzweil prophezeien Nanobots, die systematisch durch unseren Blutkreislauf sowie Gehirn reisen. Nanobots sind Mikrochips in der Größe von 0,000000001 Metern, welche durch ausgeklügelte Sensorik nicht nur Daten sammeln können, sondern auch direkt in das Geschehen des jeweiligen Körperteils eingreifen, zum Beispiel Keimzellen abtöten, verstopfte Arterien öffnen, Tumore lösen und das Immunsystem unterstützen. Auch soll das eigene Gedächtnis direkt an die Schwarmintelligenz angebunden werden – mit einem direkten Zugriff auf Wikipedia könnte das gesamte Wissen der Menschheit im Bruchteil einer Sekunde aufgerufen werden.

 

the-time-of-the-cyborgs-infografik

Diese Positivszenarien stehen aber nicht alleine im Raum: Auch negative Seiten wie Überwachung und Kontrolle können die Folge sein. Durch eine eindeutige Kodierung eines jeden Chips ist es möglich, Menschen jeder Zeit zu orten und somit quasi am Radar zu haben. Auch wenn es hierbei wieder einzelne positive Fälle gibt – z.B. zur Findung von Kidnapping-Opfern – bleibt der massive Bruch der eigenen Persönlichkeits-, Grund- und Menschenrechte bestehen. Soll unser ganzes Leben in einer elektronischen Akte abgelegt werden, die jedem Einsicht gibt, wann und wo wir uns hinbewegen, mit wem wir kommunizieren, wie es um unsere Gesundheit steht oder wann wir wie viel Geld ausgeben? Religiöse Kritiker beschreiben den Chip jetzt schon als „Zeichen der Bestie“ aus der Offenbarung des Johannes. Sollen wir also unser aller Recht auf Privatsphäre dem Altar der Berechenbarkeit ausliefern? I don’t think so, sir.

Ähnlich frappant ist der Patentantrag eines saudi-arabischen Erfinders im Oktober 2007 beim Deutschen Patentamt in München: ein Patent für einen Chip zur Überwachung und Tötung von Menschen. Dabei sollte ein Chip patentiert werden, der ausschließlich der Überwachung von Personen dient und mit einer mit Gift gefüllten Kammer ergänzt wird. The Walking Dead, sozusagen.

Auch stellt sich die Grundsatzfrage: Wer denkt eigentlich, Mensch oder Maschine?

Wie sollen schulische und universitäre Prüfungen der Zukunft aussehen? Ist der/die Intelligenteste jene Person, die sich am meisten Rechenleistung leisten kann? Was passiert, wenn die Maschinen die Entscheidung treffen, dass sie auch gut ohne uns Kohlenstoff-Verschwendungen auskommen können? Wie sollen Menschen überleben, wenn jegliche Arbeit von Maschinen erledigt wird und das weltweite Kapital auf eine Handvoll aufgeteilt ist? Werden Versicherungen noch an Menschen auszahlen, wenn diese holistisches Wissen in Echtzeit über jeden und jede empfangen können?

The Winner Takes It All?

Zieht man nun seine Schlüsse, scheint die Zukunft ein düsteres Plätzchen zu werden. Ein Faktum ist: Millionen von Menschen arbeiten aktiv am Thema “Artificial Intelligence” und Technologien zur Erweiterung des menschlichen Körpers. Die Frage ist aber, was wir daraus machen. Lassen wir eine in Relation gesehen kleine Gruppe der Super-Nerds über die gesamte Gesellschaft entscheiden? Wollen wir eine homogene Gedankenwelt, diktiert durch IEEE 802.11? Soll Technokratie als Duktus unseres politischen Zusammenseins herrschen? Wollen wir, dass die Technik an der Spitze der Nahrungskette steht und sich der Mensch in einer Welt aus Robotern, Hybriden und Cyborgs unterordnen muss?

Dann tun wir was dagegen und bringen uns in der Forschung ein. Nur so kann der Abschluss auch heißen:

There will be a dawn for men.

Nach oben