Social Media Bullshitting

David Altreiter & Sara Mahlknecht

Social Media Bullshitting

„Was für ein Bullshit!“ – Diese Aussage klingt zunächst nach einer stumpfen Beleidigung. Von dieser Vorstellung müssen wir nun abweichen, um verstehen zu können, was mit „Bullshit“ tatsächlich gemeint ist. Es handelt sich nicht um beleidigende Aussagen und auch nicht um Lügen. Dennoch schwebt das Bild von autonomen und demokratiebewussten BürgerInnen über unserer Gesellschaft, wodurch wir gerne dazu neigen, uns Meinungen zu bilden und diese zu äußern. Auch zu Themen, bei denen uns manchmal die Expertise fehlt. Das führt dann schon mal zu unüberlegten Aussagen, welche auch im Social Web gut gedeihen. Dieses ist mit seinen sozialen Strukturen und netzartigen Interaktionen, die sich in webbasierten Anwendungen zeigen, den meisten alltäglich bekannt – ob zu Zwecken der Kommunikation, des Informationsaustausches oder auch der Selbstdarstellung. [1]

Lüge ist mehr als Unwahrheit

Harry G. Frankfurt ist diesem besonderen Phänomen in seinem philosophischen Buch „On Bullshit“ auf den Grund gegangen. Darin versucht er, seinen LeserInnen zu erklären, was Bullshit ist und wie sich dieser von Lüge und Unsinn abgrenzt. Um dies zu veranschaulichen, greift er auf eine Anekdote zurück, in der Fania Pascal über ihren Bekannten, den bedeutenden Logik- und Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, erzählt:

Eines Tages ließ ich mir die Mandeln herausnehmen, lag im Evelyn Nursing Home und bedauerte mich selbst. Da kam Wittgenstein zu Besuch. Ich krächzte: „Ich fühle mich wie ein Hund, den man überfahren hat.“ Wittgenstein war entrüstet: „Sie haben doch gar keine Ahnung, wie sich ein überfahrener Hund fühlt.“ [2]

Wittgensteins Kritik an der Aussage Pascals bezieht sich hierbei nicht darauf, dass ihm seine Bekannte eine Lüge erzählen wollte. Es ging ihr tatsächlich schlecht. Doch sie denkt nicht über die Richtigkeit ihrer Äußerung nach. Beim Bullshit geht es demnach weniger um die Falschheit, als um die Fälschung. Das Wesen und die Abgrenzung dieses Phänomens liegt nach Frankfurt in der Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit, was nicht bedeutet, dass Bullshit zwangsläufig unwahr ist. [3]

Wer lügt weiß, dass seine Aussage falsch ist. Dem Bullshitter geht es hingegen um seine Zielsetzung, er steht dabei über Wahrem und Falschem. Vielmehr legt er sich die Realität so zurecht, dass sie das, was er erreichen möchte, unterstützt. Der Wahrheitswert einer Behauptung ist dabei nicht von Bedeutung. Wer bullshittet, lügt demnach nicht bewusst, wenn auch Unwahres von sich gegeben wird. [4] Zudem grenzt Frankfurt auch den Begriff „Unsinn“ ab, da es sich nicht um sinnlose oder unwichtige Inhalte handelt, sondern ein bestimmter Zweck erfüllt werden soll. Als einzig nützliches Äquivalent zum Begriff Bullshit nennt der Autor den Ausdruck von „heißer Luft“ und erklärt dies damit:

Während heiße Luft ein von jeglichem Informationsgehalt entleertes Reden darstellt, sind Exkremente Stoffe, denen jegliche Nährstoffe entzogen worden sind. […] Jedenfalls können sie ebenso wenig zur Ernährung beitragen, wie heiße Luft der Kommunikation zu dienen vermag. [5]

Im Gegensatz zur Lüge unterstellt Frankfurt dem Bullshit ein größeres Ausmaß an Kreativität, das sich in Improvisation und Phantasie zeigt und damit schon eine Art von Kunst impliziert.

Die Sache mit der Viralität

Wie anfangs bereits erwähnt, wird Bullshit besonders dadurch gefördert, dass unser demokratisches Grundverständnis von uns verlangt, sich zu relevanten Themen eine Meinung zu bilden. Dieser Meinungsbildungsprozess geschieht auch im Web und über Social Media Plattformen. [6] Das Web 2.0 ermöglicht es seinen UserInnen, Informationen nicht nur passiv zu konsumieren, sondern selbst zu produzieren und in der digitalen Welt zu interagieren: mit Likes, Shares und Kommentaren. Bei daraus entstehenden Diskussionen wollen NutzerInnen der eigenen Meinung Stärke verleihen.  Wenn es das Hauptziel ist, andere davon zu überzeugen, gerät der Respekt gegenüber der Wahrheit gerne mal in den Hintergrund und das Bullshitten beginnt.

Die Viralität des Webs führt dazu, dass Inhalte mit nur wenigen Klicks verbreitet werden können. Algorithmen von Social Media Plattformen, die Inhalte durch virale Prozesse in den jeweiligen Newsfeeds verbreiten, wollen in erster Linie für die NutzerInnen relevante Beiträge hervorheben. Einen Bullshit-Filter gibt es dabei natürlich nicht.

Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.

Mark Twain

Um das Konzept etwas klarer und beispielhaft darzustellen, haben wir uns drei Kategorien überlegt, denen derartiger, übers Web verbreiteter Content zugeordnet werden kann: Pseudoweisheiten, populistische Inhalte und (nicht verstandene) Satire.

Das Leben ist schön

Pseudoweisheiten darüber, wie man sein Leben am besten gestalten solle und worauf es wirklich ankomme, verbreiten sich mit kitschigen Bildern im Hintergrund nahezu wie eine Epidemie in sozialen Netzwerken. Nicht jede Lebensweisheit ist automatisch Bullshit. Jedoch weisen einige genau jene Merkmale auf, die von Frankfurt beschrieben werden. Wir sollten nämlich in Erinnerung behalten, dass Inhalte dabei nicht automatisch unwahr sind. Gerade das ist es vermutlich auch, was Pseudoweisheiten so beliebt macht: Sie sind derartig allgemein gehalten, dass sich viele davon angesprochen fühlen, obwohl es sich um leere Worthülsen – um heiße Luft – handelt, wenn man sie genauer betrachtet.

Unser persönlicher Pseudolebensweisheitsbullshit beinhaltete folgendes Statement: Lebe dein Leben so, dass du am Ende sagen kannst: Ich habe gelebt!

Es handelt sich hierbei nicht um eine Lüge oder falsche Aussage. Der Interpretationsspielraum ist jedoch riesig. Es könnte etwa meinen, dass nur jene ein erfüllendes Leben hatten, die kurz vor ihrem Tod noch sprechen können – wenn man es wörtlich nimmt. Oder man kann es so interpretieren, dass es nicht um Glück und Selbstverwirklichung, sondern rein ums Überleben geht. Oder … man findet hier gewiss noch weitere Interpretationen. Doch darüber wird in den seltensten Fällen nachgedacht, wenn ein solcher Spruch vor idyllischem Hintergrund sich seinen Weg durch die sozialen Netzwerke bahnt. Was daran wahr oder falsch ist, ist den VerbreiterInnen egal. Somit handelt es sich hierbei um Bullshit. Denn vielsagend ist oftmals nichtssagend.

Wenn es nur so einfach wäre …

Die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit wird zum Problem, wenn Falsches zur Tatsache deklariert wird und dabei negative Auswirkungen in Form von Vorurteilen, Diskriminierung und Ausgrenzung mit sich bringt. Die Vereinfachung komplexer Realitäten ist eines der Kennzeichen populistischer Politik, wodurch sie besonders anfällig für inhaltsleere Worthülsen ist. [7] Ein wesentliches Merkmal des Bullshittens ist, dass damit ein bestimmter Zweck verfolgt wird. Das wird bei dieser Kategorie verständlich, wo es darum geht, eine bestimmte politische Position zu verbreiten. Dies kann auch mit bewusst erstellten Lügen funktionieren, wenn eine solche jedoch durchschaut wird, steht man schnell in einem schlechten Licht da. Das Balancieren am Grat der Wahrheit, auf dem man nicht so genau nach Wahrem oder Falschem sucht, ist deshalb eine willkommene Alternative. Moralisch ist es womöglich leichter vertretbar, sich nicht ausreichend informiert zu haben, anstatt wissentlich falsche Aussagen zu verbreiten.

Deshalb ist die Kunst des Bullshittens gleichzeitig auch die Kunst des Populismus. Durch den gesellschaftlich verbreiteten Skeptizismus, den Frankfurt als eine Ursache für Bullshit nennt, fällt es zunehmend schwer, Dinge so zu erkennen, wie sie wirklich sind. Teilweise wird auch objektiver Forschung kaum noch Glauben geschenkt. Es geht deshalb beim Populismus im Besonderen um aufrichtige anstatt richtige Darstellung. Sorgen, Wünsche und Ängste können durchwegs aufrichtig und ehrlich gemeint und dennoch weit von der Realität entfernt sein. [8]

Unser Beispiel für populistischen Bullshit, wie man ihn so oder so ähnlich in sozialen Netzwerken antreffen kann, sieht folgendermaßen aus: Wir brauchen mehr Sicherheit! Jede zweite Frau traut sich nachts nicht mehr alleine spazieren zu gehen.

Wir haben keine Statistik, die diese Aussage bestätigt oder widerlegt. Vielleicht ist es ein Gefühl, eine Selbsterfahrung oder eine Schlussfolgerung aus Gesprächen? Wir haben auch keine genaue Definition von Sicherheit oder was „mehr Sicherheit“ eigentlich bedeuten sollte. Und es ist uns egal – damit wird dieses Beispiel zum Bullshit.

Im Gegensatz zur Lüge unterstellt Frankfurt dem Bullshit ein größeres Ausmaß an Kreativität, das sich in Improvisation und Phantasie zeigt und damit schon eine Art von Kunst impliziert.

Es darf auch mal lustig sein!

Satire könnte man als erweiterte Kunstform des Bullshits verstehen, was paradoxerweise den bisher erläuterten Merkmalen dieses Konzeptes widerspricht. Denn wer einen Satirebeitrag erstellt, weiß natürlich, dass dieser nicht ernst genommen werden darf. Satire selbst ist deshalb kein Bullshit, wenn sie als solche konzipiert, erkannt und verwendet wird. Wer einen in Satire gekleideten Beitrag jedoch für wahr hält und zur Untermauerung seiner Argumente nutzt, der wird dabei zum Bullshitter. [9]

In unserer Infografik zum Thema „Verkehr – Stau zur Entschleunigung des Alltagsstresses“ wird ein aktuelles Problem satirisch aufgefasst. Damit haben wir noch keinen Bullshit. Wer sich die Infografik jedoch ohne unseren dazugehörigen Artikel ansieht, auf den könnte sie sich anders auswirken. Denn es fehlt die Erklärung dazu und vielleicht ist der satirische Aspekt deshalb nicht für jeden auf den ersten Blick erkennbar, was natürlich keine Schande ist. Es ist aber ein Beispiel für einen weiteren wichtigen Aspekt: den Kontext. Wer diese Infografik oder Teile davon herausreißt und weiterverbreitet, der verfälscht den Kontext und macht damit aus unterhaltender Satire Bullshit, wobei die UrheberInnen selbst unschuldig daran sind. Durch unüberlegte Weiterverbreitung können Aussagen ihren Kontext verlieren, anders wiedergegeben werden und erst damit zu diesen leeren Worthülse werden, die sie anfänglich vielleicht gar nicht sein sollten.

Und was machen wir jetzt damit?

Bullshit ist und bleibt allgegenwärtig und gehört nach wie vor zu unserem Alltag, sowohl online wie auch offline. Wie genannte Beispiele zeigen, etwa die Wittgenstein-Anekdote, ist dies in vielen Fällen kein Problem und kann als sprachliches Stilmittel gesehen werden, welches sich in der alltäglichen Kommunikation etablieren konnte. Die Viralität des Webs führt jedoch dazu, dass ein leichtfertiger Umgang mit der Wahrheit schnelle Verbreitung finden kann und damit möglicherweise Assoziationen und Emotionen auslöst, die nicht gewollt oder nicht gerechtfertigt sind.

Es handelt sich um ein gesellschaftliches Phänomen, das neben vielen anderen die (Online-)Welt mitprägt. Das Wissen um dessen Existenz befähigt uns dazu, manche Inhalte einmal mehr zu überdenken, bevor man in den Strom der Viralität miteinsteigt. Eine gewisse Sensibilität in der Nutzung von sozialen Medien und das Hinterfragen von Inhalten tragen dazu bei, dass selbst größerer Bullshit langsam wie heiße Luft verdampft…

Quellen:

[1] Anja Ebersbach, Markus Glaser, Richard Heil (2008): Social Web, UTB, S. 29
[2] Harry G. Frankfurt (2006): Bullshit, S. 32
[3] Harry G. Frankfurt (2006): Bullshit, S. 32-40
[4] Harry G. Frankfurt (2006): Bullshit, S. 56-63
[5] Harry G. Frankfurt (2006): Bullshit, S. 50-51
[6] Dominik Frey (2007): Meinungsbildung im Web, verfügbar unter: https://domfry.wordpress.com/ma/
[7] Meyer, Thomas (2005): Populismus. Anmerkungen zu einem bedrohlichen Modernisierungsrisiko in Europa, in: Rudolf von Thadden und Anna Hofmann (Hg.): Populismus in Europa – Krise der Demokratie? Göttingen: Wallstein Verlag, S. 14-15
[8] Harry G. Frankfurt (2006): Bullshit, S. 72
[9] Harry G. Frankfurt (2006): Bullshit, S. 60

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