Frag doch die Community…

Julia Lenz & Anne Sophie Primisser

Frag doch die Community…

Hat man früher noch seine beste Freundin oder Clique um Rat gefragt und sich von einem nahestehenden Menschen unterstützen lassen, so hat sich doch durch das Computerzeitalter etwas geändert. Nicht nur, dass sich “Offline-Communities” [1] nun seit einigen Jahren in den Online-Bereich verlagert haben, es sind auch neue Communities entstanden. Auf den ersten Blick könnte man das Ganze durchwegs positiv betrachten, da einem vor allem mehr Möglichkeiten, sich Meinungen einzuholen, offen stehen. Reflektiert man diesen Wandel genauer, lässt sich jedoch feststellen, dass diese Entwicklung nicht nur Positives mit sich bringt.

Wie aber beeinflusst uns der Online-Zugang beim Suchen von Unterstützung und beim Treffen von Entscheidungen wirklich? Durch das Web erhalten wir mehr Zugang zu Informationen als je zuvor. Auf der einen Seite gibt uns dies die Möglichkeit, mehr Alternativen zu sehen – auf der anderen Seite schränkt uns das Übermaß an Angeboten auch ein, da wir mit der enormen Auswahl überfordert sind.

Seit dem Web 2.0 [2] werden zusätzlich Meinungen vermehrt öffentlich preisgegeben und in Communities diskutiert. Gerade soziale Medien werden oft dazu benutzt, eigene Ansichten publik zu machen und Standpunkte anderer durch “Likes” oder “Klicks” zu bewerten. Beispielsweise gibt es eigene Facebook-Gruppen, die einem vorschlagen, welches Restaurant in welcher Stadt besucht werden soll, oder Online-Stylisten, die einem empfehlen, welche Kleidung zu einem passt.

Doch was bewegt uns dazu, öffentlich nach der Meinung anderer zu fragen bzw. uns an diesen Menschen zu orientieren, obwohl wir diese Personen oft nicht persönlich kennen?

Immer öfter suchen Menschen im Internet nach Rat, wenn Entscheidungen anstehen, und hören dabei auf die Meinung anderer, eben jener der Community. Der Grund dafür ist, dass man sich in den verschiedensten Gruppen, auf den unterschiedlichsten Plattformen Inspiration oder Antworten holen kann. Bedeutet dies nun, dass wir uns schön langsam von der Online-Welt steuern lassen? Dass unser eigener Wille bei Entscheidungen nicht mehr so viel Gewicht hat oder gar nur noch unbewusst existiert? Oder sind wir einfach zu bequem geworden? Mit unserem Artikel wollen wir näher auf diese Fragen eingehen und gleichzeitig einen kleinen Selbstversuch wagen.

Was ist eigentlich eine Online-Community?

Unter dem Begriff Online-Community versteht man eine Gemeinschaft, die über das Medium Web zusammenfindet und sich mithilfe verschiedenster Plattformen aktiv oder passiv miteinander austauschen bzw. in Kontakt treten kann. Dabei geht es vor allem um gemeinsame Interessen bzw. den Austausch von Meinungen, Erfahrungen und Informationen – und damit auch die gegenseitige Unterstützung bei Entscheidungen. [3] Den Themen sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Anonym zu bleiben, während man mit anderen Menschen in Kontakt tritt,  ist durch das Internet möglich geworden. So kann man heutzutage also Teil einer Community sein, ohne die Menschen dahinter wirklich persönlich zu kennen.
Als Kinder wurden wir von unseren Eltern immer wieder ermahnt, fremden Menschen auf der Straße nicht zu vertrauensvoll zu begegnen. Doch genau dies machen wir jetzt auf gewisse Art und Weise in den sozialen Netzwerken – wir kommunizieren mit Personen, die uns nur virtuell bekannt sind, und lassen uns und unsere Entscheidungen von deren Meinung beeinflussen.
Die verschiedenen Communities auf YouTube stellen hier ein gutes Beispiel dar. Junge Mädchen holen sich ihre Styling-, Schmink- und Frisurentipps, Burschen informieren sich über Videos, wie sie in ihrem Computerspiel das nächste Level erreichen können. Personen, die vor der Kamera stehen, beeinflussen somit jene, die hinter der Kamera – also vor dem Bildschirm – sitzen, in ihrem Verhalten oder gar ihren Entscheidungen.

In den sozialen Netzwerken versuchen wir uns von unserer besten Seite zu präsentieren und anhand unserer Profile einen Wiedererkennungswert zu schaffen. Dabei heben wir uns in Wirklichkeit kaum von der Masse ab, da wir unser Verhalten oft anderen User/Innen anpassen. Beispielsweise war es zu Beginn der Ära Facebook weniger verwerflich, Partyfotos von sich zu veröffentlichen. Heute würde kaum jemand solch ein Foto online stellen, da das Bewusstsein bezüglich der möglicherweise negativen Konsequenzen auf unser berufliches wie auch unser privates Leben grundlegend stärker geworden ist. [4] Die Meinungs- und Medienforscherin Elisabeth Noelle behauptet sogar, dass es durch die Möglichkeit, mittels der Medien zu erfahren, was andere denken, zu einer Schweigespirale kommen kann: Die Gruppe mit der Minderheitsmeinung verstummt in der öffentlichen Debatte immer mehr und wirkt dadurch noch kleiner, als sie es ohnehin ist.

Egal was wir wann in den Netzwerken fabrizieren, in einem gewissen Maße orientieren wir uns immer an der Community und geben somit auch ein Stück unseres wahren, eigenen “Ich” auf. Klar sind wir als Nutzer/Innen auch ein Teil der Community, was uns ein Gefühl von Zugehörigkeit gibt, der Individualismus geht dabei aber öfters verloren.

Mittlerweile gibt es auch schon Apps, die es ermöglichen, fremde Menschen um Rat zu fragen oder diese über unser Verhalten und Tun “abstimmen” zu lassen. Während Menschen sich früher vielleicht nur heimlich verstohlen im Buchhandel einen Selbstratgeber gekauft haben, drängen wir heute immer mehr vom privaten in den öffentlichen Raum und posten unsere Fragen und Probleme in der Öffentlichkeit – in der Hoffnung, so eine Lösung für banale als auch lebenswichtige Angelegenheiten zu erhalten. Ein Beispiel, welches in die Richtung “Entscheidungshelfer” geht, ist die App “swell”.

Mit dem Launch dieser App möchte ein junges Wiener Startup genau dieses Problem – jenes der Entscheidungsfindung – lösen. Es ist ganz einfach: Man macht jeweils ein Foto von Möglichkeit A und von Möglichkeit B, schreibt die zu entscheidende Frage dazu und teilt das Ganze mit Freunden (durch Verschicken der Frage per Link) oder gleich mit der ganzen Community (sprich jeder Person, die die App ebenfalls am Handy hat). Bereits nach 30 Sekunden ist eine erste Tendenz erkennbar – man kann sich jedoch auch gedulden und bekommt nach maximal 24 Stunden, wenn die Umfrage endgültig geschlossen wird, das Ergebnis präsentiert.

In sozialen Netzwerken ist dies schon lange keine Seltenheit mehr. Auf Facebook werden Freunde nach deren Meinung gefragt, auf Instagram die Follower/Innen, mit „swell“ gleich die gesamte Community – Freund/Innen, Follower/Innen und unbekannte oder gar anonyme Nutzer/Innen gleichzeitig.

Das Schlimmste in allen Dingen ist die Unentschlossenheit.

Napoleon

Und was rät die Community?

In einem Selbstversuch haben wir uns der Meinung der Community ausgesetzt und sowohl belanglose als auch weniger belanglose Fragen gestellt. Insgesamt waren es sechs Fragen bei deren Beantwortung wir uns von fremden Personen leiten ließen. Diese wurden von uns 24h im Vorfeld auf “swell” online gestellt, um den User/Innen genügend Zeit zu geben, uns bei unseren Entscheidungen zu helfen.

Tag 1: Eine Woche ohne Auto?

JA! Eine klare Antwort der Community. Na gut, für eine von uns beiden war dies keine allzu große Herausforderung – als Stadtkind hat man ja immerhin – wenn zu Fuß mal gar nicht geht – Fahrrad, Bus und Straßenbahn zur Auswahl. Für das Land-Ei, oder noch genauer die Berg-Ziege, war das schon eine etwas schwierigere Sache. Zu Fuß gehen ist schier unmöglich, der Bus fährt nur viermal am Tag ans Ende der Welt (nach Hause), und mit dem Fahrrad nach getaner Arbeit auch noch den Berg hinauffahren, das erfordert schon etwas Kondition. Für das Stadtkind war die Woche also locker machbar. Das Land-Ei hingegen erledigte nur das Nötigste – vor allem das, was mit dem Fahrrad oder zu Fuß gerade noch möglich war…

Tag 2: Soll ich vier Tage vegan leben?

Als absolute Fleischliebhaberinnen haben wir es gewagt, diese Frage an die Community zu richten. Sie hat für uns entschieden, dass vier Tage vegan leben gut für uns sei. Der Versuch erwies sich schon vor der Umsetzung als durchaus schwierig –alleine die Frage: „Was dürfen wir dann alles NICHT essen?“ stellte uns vor ein Rätsel. Dank Internet wurde die jedoch rasch beantwortet. Die ersten beiden Tage gestalteten sich recht einfach – viel Obst, viel Gemüse und viel Wasser. Ab dem dritten Tag allerdings wurde es immer schwieriger. Gerade die Gelüste nach all den Kleinigkeiten, die wir so oft unbewusst und zwischendurch zu uns nehmen, forderten unsere Standhaftigkeit. Zudem wurden Gemüsesuppe, Gemüseteller und Gemüsestrudel immer eintöniger und der Wunsch nach Abwechslung und Fleisch immer großer. Mit dem Ziel vor Augen und der Steakhouse-Reservierung für den Tag danach meisterten wir jedoch auch den vierten und letzten Tag und halten an dieser Stelle fest: Wir brauchen erstmal eine Gemüsepause!

Tag 3: Soll ich eine Woche ohne Internet verbringen?

Nun gut, dass die Community uns eine Woche ohne Internet aufdrücken würde, dachten wir uns schon. Ebenso, dass dies eine der eher härteren Aufgaben werden würde. Mobile Daten am Handy wurden pflichtgetreu deaktiviert und der Laptop zur Gänze weggelegt. So schlimm, wie zu Beginn gedacht, kam es dann aber nicht! Die Woche war eigentlich sehr entspannt und wir stellten fest, dass auch eine solche Challenge auszuhalten ist.
P.S.: Vielleicht lag dies aber auch daran, dass der Laptop in den Ferien ohnehin eher in einer Ecke liegt und die Sonne (noch) ohne Internet funktioniert. 😉

Tag 4: Fitnessstudio oder Couchpotato – 10 Tage Fitness?

Sommer, Sonne, Strand und keine optimale Bikinifigur. Also starteten wir – die eher als Sportmuffel zu bezeichnen sind – auf Anraten der Community das Experiment Fitness. Vorerst sollten es einmal 10 Tage sein, wir wollten ja nicht gleich übertreiben. Statt der Straßenbahn wurde das Fahrrad benutzt, bei schönem Wetter stand Schwimmen auf dem Plan und dreimal die Woche wurde das Fitnessstudio besucht. Gestartet wurde noch voller Motivation und Überzeugung, der erste Muskelkater holte uns aber doch recht rasch auf den Boden der Tatsachen zurück. Auch wenn uns gerade an stressigen Tagen, wo die Zeit für Sport nicht wirklich gegeben war, das gegenseitige Motivieren schwer fiel. Durchgezogen haben wir es trotzdem – und unser Abo auch gleich verlängert – der nächste Sommer kommt bestimmt.

Tag 5: Festival: Soll ich die nächsten 3 Tage nicht duschen gehen?

Sommerzeit ist Festivalzeit und damit stellte sich die Frage aller Fragen: Duschen oder einfach so die Nächte und Tage durchmachen? Die Community hat für uns auch hier wieder entschieden und uns nahegelegt, trotz Partyspaß unsere Körperhygiene nicht zu vergessen. War dann wahrscheinlich auch besser so – sonst wären wir wohl nach einem halben Tag Stinktierdasein alleine dagestanden.

Tag 6: Soll ich drei Tage auf das Mobiltelefon verzichten?

Na zum Glück waren es nur drei Tage…
Erster Tag ohne Mobiltelefon: „Das schaff‘ ich locker!“
Zweiter Tag ohne Mobiltelefon: „Wenn ich doch nur eine Brieftaube hätte.“
Dritter Tag ohne Mobiltelefon: „Hilfe, was soll ich mit meinem Leben anfangen?“

Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.

Joanne K. Rowling

Als Fazit lässt sich nach unserem Selbstversuch sagen, dass es grundsätzlich eine spannende Erfahrung mit einigen Herausforderungen für uns war. Einerseits mussten wir sicher einen Teil unserer Selbstkontrolle aufgeben, andererseits mussten wir aufgrund der Entscheidungen der Community sicherlich öfters unseren “inneren Schweinehund” überwinden. Der Bequemlichkeit wurde hier kein Platz eingeräumt. Dennoch hat man auch als bewusst gefügiges Versuchskaninchen immer einen heimlichen Antwort-Favoriten im Auge und lässt sich somit nicht unreflektiert von der Online-Welt steuern. Wir haben unseren Selbstversuch mit einer Portion Ironie, mit Augenzwinkern gestartet, unsere Fragen waren so gewählt, dass die Weisungen der Community unser Leben nicht ganz aus dem Gleichgewicht bringen hätten könne.

Im Endeffekt scheint es uns aber empfehlenswert, die Online-Welt nur dann zur Entscheidungsfindung zu nutzen, wenn diese für einen selbst keine schwerwiegenden Folgen haben. Bei wichtigen Fragen und Problemen sollte man sich auf jeden Fall an die Offline-Welt wenden und sich auf den Rat von Familie und Freunden verlassen.

Quellen:

[1] hier für uns eine Clique bzw. Menschen aus dem realen sozialen Umfeld
[2] Der Begriff Web 2.0 bezieht sich neben spezifischen Technologien oder Innovationen wie Cloud-Computing primär auf eine veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets. Die Benutzer erstellen, bearbeiten und verteilen Inhalte in quantitativ und qualitativ entscheidendem Maße selbst, unterstützt von interaktiven Anwendungen. http://www.intotheweb.at/2016/09/02/googlest-du-noch-oder-verstehst-du-schon (02.09.2016)
[3] http://www.grin.com/de/e-book/83682/soziale-netzwerke-im-internet (27.06.2016)
[4] Lenz, Pamminger (2015): „I LIKE TO REMOVE IT“. Aktivitäten auf Facebook und die nachträgliche subjektive Wahrnehmung des Nutzers / der Nutzerin im Hinblick auf soziodemographische Faktoren und Verhaltensgewohnheiten.

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